Bulimie – Geschichte der Esskultur

Wie konnte die Bulimie, eine so genannte „Modekrankheit“, entstehen? Sind ihre Wurzeln in der Geschichte zu suchen, oder ist diese Ess-Brechsucht etwas gänzlich Neues?

Nahrung hatte immer schon einen hohen Stellenwert, schließlich ist sie Lebensnotwendig, trotzdem hat sich ihre Bedeutung in den Jahrhunderten sehr verändert.

Es steht fest, dass Essen mit anschließendem Erbrechen keine Erscheinung des 20. Jahrhunderts ist, denn dieses Phänomen trat bereits in verschiedenen Kulturen und Zivilisationen auf, die sich durch Wohlstand kennzeichneten.

Schon Hippokrates von Kós (460 – 370 v. Chr.), ein sehr berühmter griechischer Mediziner der Antike, hatte „limos“, d. h. er litt unter krankhaftem Hunger. Seine selbst entwickelte Therapie gegen die Heißhungerattacken bestand darin, dass er bei Hunger ein Glas Wein trank. Dies zeigt, dass schon damals eine Verbindung zwischen den verschiedenen Suchtkrankheiten bestand.

Zu etwas späterer Zeit (kurz vor Christus) huldigte man in Rom dem Brauch des selbstinduzierten Erbrechens regelrecht. Es wurden luxuriöse Gelage veranstaltet, dabei waren das Fressen und Erbrechen ein kollektives Laster, aber außerdem eine kommunikative, allgemein anerkannte Angelegenheit. Erbrechen vor dem Gelage bedeutete eine Appetit-Steigerung, Erbrechen nach jedem Gang eine Genuss-Verlängerung. Zudem gab es so viele Gänge, dass zwischendurch Platz im Magen geschaffen werden musste, um sie alle durchzuhalten.

Im Mittelalter sah das Essverhalten und der Stellenwert der Nahrung sehr anders aus. Nur Adeligen und reiche Kirchliche konnten sich ein ausschweifendes Leben mit Essgelagen gönnen. Der übrige Teil der Bevölkerung verrichtete harte Arbeit für ein Existenzminimum. Ihr Hauptaugenmerk lag darin, überhaupt genug Nahrung für die Familie zu erwirtschaften. Man dachte nicht an abwechslungsreiche Mahlzeiten, sondern an die Grundlagen, Kartoffeln und Getreide. Fleisch gab es nur selten und an kunstvolle Desserts, wie es sie heute gibt war gar nicht zu denken. Niemand wäre auf die Idee gekommen derartige Dinge zu kreieren. So ähnlich verhält es sich heutzutage in so genannten “Entwicklungsländern”.

Schönheitsideale sind immer vom Wohlstand einer Gesellschaft abhängig. Je weniger die Menschen besaßen und je härter sie für ihre Nahrung arbeiten mussten, desto besser angesehen waren rundere, wohlgenährte Körperformen. In unserer heutigen Gesellschaft, in der Überfluss herrscht, ist das Ideal daher – wie zu erwarten – möglichst dünn und möglichst schmal zu sein.

die moderne Frau des 20. Jahrhunderts

die moderne Frau des 20. Jahrhunderts

In westeuropäischen und nordamerikanischen Ländern nimmt der Reichtum zu. Subjektiv ist Arbeiten nicht mehr der Zweck für die tägliche Nahrung. Mahlzeiten nehmen aber trotzdem einen ungeheuren Stellenwert in unserem Leben ein. Dabei kann man sich entspannen, soziale Kontakte pflegen oder Geschäfte abwickeln. In Familien stellen die Mahlzeiten die wesentliche Begegnung der Mitglieder dar, soziale Umgangsformen werden eingeübt. Essen hat eine große soziale Bedeutung eingenommen.

Die riesige Angebotsvielfalt fördert den Appetit, Hunger spielt kaum noch eine Rolle. Essen bedeutet Genuss. Genau das stellt allerdings ein Problem dar, denn Menschen wollen so viel wie möglich genießen und gleichzeitig dem Schönheitsideal entsprechen. Dadurch entsteht die Essstörung. In Gesellschaften, in denen eine reale Gefahr zu verhungern besteht, würde nie eine Bulemie oder Anorexie auftreten.

Den Ausschlag gegeben hat die Garconne Mode in den Zwanziger Jahren. Die Frauen begannen jungenhafte Kleidung und kurz geschnittene Haare (den „Bubikopf“) zu tragen, um die jungenhafte Wirkung zu unterstreichen begannen viele von ihnen zu hungern und sich nach gelegentlichen Heißhungerattacken zu erbrechen.

Mit dieser Bewegung der Frauenemanzipation erschienen die ersten Frauenzeitschriften, die die bequemer und freizügiger werdende Mode der „neuen Frau“ propagierten, wodurch Bulemie und andere Essstörungen rapiden Zuwachs bekamen.

Eine Definition für die verschiedenen Essstörungen gibt es allerdings erst seit 1980.

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