Der traurige Versuch zu weinen

Ich sitze abseits und beobachte die Menschenmenge, deren Teil ich sein sollte. Doch bin ich nur Zuschauer. Unbeteiligter Zuschauer. Alle lachen. Lachen laut und fröhlich aus tiefstem Herzen. Sehen glücklich aus. Und ich? Ich fühle mich mit jedem Laut, den sie von sich geben einsamerer, leerer und völlig ausgeschlossen. Sie mögen mich alle gar nicht, wollen mich nicht dabei haben… Zu allem Überfluss habe ich außerdem zu viel gegessen, halte nun meinen schmerzenden Bauch. Zu dick, zu dick,… Ich gehöre hier nicht her. Keiner sieht mich (trotz überdimensionalem Bauch). Ich beobachte die Menschengruppe, nehme aber nichts wirklich wahr. Ein Film, hintergründige Berieselung. Langsam und leise ziehe ich mich in die Dunkelheit zurück. Es fällt nicht auf. Dem laufenden Schauspiel tut ein Zuschauer mehr oder weniger nicht zur Sache. Ich bin schließlich kein Teil, dessen Fehlen den Ablauf stören würde. Hinterm Haus, dort wo die frische Wäsche hängt, lege ich mich ins trockene Gras. Abgeschiedenheit. Ruhe. Tief sauge ich die sommerliche Abendluft ein und den Geruch von Waschpulver. Es riecht wunderbar frisch und die noch warme Luft – ein Nachklang der täglichen Hitze – hüllt mich ein. Das strohige Gras und viele winzige Ameisen pieksen mich leicht in den Rücken. Das zirpen der Grillen und die ferne Salsa Musik lullen mich ein. Den Blick in den dunklen, sternenklaren Himmel gerichtet denke ich an dicke, salzige Tropfen, die ich angesichts meiner miserablen Gefühlslage langsam aus meinen Auge über mein Gesicht kullern lassen möchte… Ich bin ein schräger Akkord, der das harmonische Zusammenspiel dieses Ortes und der lebensfrohen Menschenmenge stört.


Während ich noch versuche zu weinen, streift meine Hand ein großes, gelbes Blatt. Das Blatt hat viele Löcher, fühlt sich ledrig an, riecht nach Staub und Sonne. Meine ganze Aufmerksamkeit gilt nun diesem Blatt – der Friedlichkeit des lauen Abends. Mit dem Blatt streiche ich über mein Gesicht, halte es direkt an meine Nase und merke, wie es sich ganz leicht von meinen Fingern zerbröseln lässt. Seltsam faszinierend.

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Ach, ich wollte doch Tränen hervor locken. Ich setzte mich mit angezogenen Knien aufrecht hin und betrachte den runden, kalten Mond, der mich gehässig anstrahlt und wiege mich vor und zurück. Aber auch der blöde Mond, der in seiner vollendeten Unfreundlichkeit mit seinem weiß-kalten Blick auf mich herunter sieht, bringt mich wohl kaum zum Weinen.


Da ich noch immer keine Träne vergossen habe, denke ich an alle anderen alternativen Genesungsmethoden: Übermäßiger Alkoholkonsum. Eine Ich-Zerschneide-meine-gesamte-Kleidung-in-Fetzten Aktion. Ein Crazy Kurzhaarschnitt. Kleine, blutige Schnitte am Arm, …


Ach nein, das ist doch alles Schwachsinn. Ich bin fest davon überzeugt, dass ein paar schöne, befreiende Tränen mich kurieren würden. Mein Fremdkörperdasein ist so lähmend. Aber was ist das? Sitzt da jemand im Gebüsch? Werd ich schon die ganze Zeit so angestarrt? Gebannt und regungslos blicke ich den Busch an. Da hockt jemand! Nicht einmal 10 m entfernt von mir! Mit langen buschigen Locken um den Kopf! Oder? Poch, poch, poch – fühle ich mein Herz schnell und schmerzhaft schlagen. Das kann nicht sein! Ich bin allein! Um sicher zu gehen, schaue ich kurz weg, harre einen Moment aus und blicke wieder das Gebüsch an. Der Mensch ist immer noch da. Rührt sich nicht. Starrt mich an. Ich muss hier weg! Nur wohin? Zurück in die schrecklich glückliche Menschenmasse? Ich traue mich nicht einmal „Hallo?“ zu fragen. Angst, Angst vor einem kleinen Laut aus meiner eigenen Kehle, der sicherlich nur ein erbärmliches Krächzen wäre. Meine Stimme würde versagen. Ich bin wie versteinert, starre weiter ins Gebüsch, rege mich nicht und weiß, ich könnte – sollte etwas passieren – nicht einmal schreien, geschweige denn weglaufen. Nach einigen Sekunden, aber gefühlten Stunden, mit einem riesigen Kloß im Hals und unsicheren, sehr vorsichtigen Bewegungen, stehe ich langsam auf und gehe los. Erst einmal weg von hier. Langsam. Leise. Unentschlossen und die anderen scheuend, blicke ich mich um. Ich scanne alle Wege, Pflanzen, Versteckmöglichkeiten um mich herum. Mein Blick bleibt an der offenen Tür zum Waschhäuschen hängen. Meine Chance. Ich schalte das Licht ein, setze mich am Ende des kleinen, kahlen Raumes auf eine Bank. Dort hocke ich nun verkrampft und ängstlich an die Wand gedrückt. Meine Augen wandern immer wieder über die Waschmaschinen, Wäscheberge und schlichten beigen Wände. Das kalte Licht der einfachen Glühbirne gefällt mir gar nicht, aber ich fühle mich im Hellen sicherer. Mein Kopf ist leer, das Weinen und mein Jammer kurzzeitig verdrängt. Das Lachen und die Salsa Musik sind plötzlich viel näher und lauter. Ich stelle mir vor, wie die fröhlichen Leute im Gebäude nebenan ausgelassen tanzen. Tanzen und lachen. Ich starre nun unbeweglich auf die dunkelblaue Tür. Sie ist nur angelehnt. Zeit vergeht. Scheint still zu stehen. Tür. Blau. Alle Tränen sind vergessen. Alle Probleme auch. Was?


Plötzlich schaut ein dunkelbrauner Lockenkopf durch den Türspalt und ruft lachend: „Wir suchen dich schon überall!“

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