Ego-Trip: Volunteer-Reisen

„Meine Damen und Herren, wenn ich Ihnen nur einen Tipp für Ihr Leben geben könnte, dann würde ich sagen: Reisen Sie! Denn Reisen wird Ihnen die Augen öffnen, Ihren Horizont erweitern und Ihren Kleiderschrank vergrößern. Zudem Möchte ich Ihnen einige kleine Tipps weitergeben: Benutzen Sie Sonnencreme, nehmen Sie nicht zu viel Kleidung mit und Lächeln Sie. Verschwenden Sie nicht Ihre Zeit in der Hängematte, tun Sie stattdessen etwas, dass Ihnen ein warmes Gefühl gibt. Lesen Sie, nehmen Sie Ihre Kamera überall hin mit, machen Sie Fotos, denn in Ihre Zukunft werden Sie zurückschauen und noch stärker anerkennen, was Sie geleistet haben…“

StudiVZ Gruppe: Volunteer-Reisen

So beginnt ein Werbevideo für Volunteer-Reisen, zu finden im studiVZ in der gleichnamigen Gruppe. Von einer eindringlichen Cowboy Stimme wird einem erklärt, wie man Reisen sollte, welch großartige Erfahrung es ist, mit „Locals“ zu sprechen. Das lokale Essen zu probieren ist laut Herrn Cowboy nicht nur ein besonders exotischer Gaumenschmaus, sondern zudem meist sehr billig zu bekommen.

Solch ein Abenteuer wie Volunteer-Reisen ist etwas für engagierte, erlebnisorientierte, weltoffene, abenteuerlustige junge Menschen. Als Volunteer, heißt es im studiVZ, sei man immer auf der Suche nach neuen Herausforderungen! Wer fühlt sich von so einem Text nicht angesprochen? Als Leser mag man schnell denken „Das passt genau auf mich, los geht’s!“

Urlaub und soziales Engagement verbinden?

Das angebotene Programm hört sich einfach verdammt viel versprechend an: „Mit Volunteer-Reisen kannst Du soziales Engagement und Urlaub verbinden: Entdecke Teile eines fremden Landes, die für normale Touristen kaum zugänglich sind! Dabei garantiert dir unsere Erfahrung und unsere langfristige Zusammenarbeit mit nachhaltigen Projekten, dass deine Unterstützung auch tatsächlich bei der Bevölkerung in deinem Gastland ankommt.“

Welch ein Abenteuer, welche Herausforderung, wie unendlich reizvoll! (Tatsächlich?)

Zu der allgemeinen Information findet man auf der studiVZ Seite Fotos einiger Länder und direkt eine prozentuale Angabe wie viel Zeit seines Urlaubs man mit volunteering und reinem Reisen verbringen wird. Die Sonderangebote („Spare 12%, buche dein Abenteuer) wurden auch nicht vergessen…

Diese studiVZ Gruppe hat bereits über 900 Mitglieder, da die Werbung für das Volunteer Abenteuer tatsächlich sehr verlockend formuliert ist. Glauben diese Menschen tatsächlich alle an das vollkommen organisierte Abenteuer?

Einmal Armut zum Anfassen bitte!

Ein Obdachloser Guatemalteke

Es wird direkt mit der Armut anderer Menschen Geld gemacht und ein Großteil der verwöhnten „ersten Welt“ springt auch noch darauf an. Die Würde der vorgeführten, armen Menschen wird einfach völlig missachtet.

Dieser Ego-trip ins Elend verheißt dem Abenteuertourist ein gutes Gewissen, dass er/sie – dank des wunderbaren Tipps im Werbevideo – mit vielen Fotos festhalten kann, um sich ewig darauf zu berufen, im Sinne von „Ich bin ein guter Mensch! Schau, ich hab den armen Menschen in Afrika geholfen!“

Gegen solchen Sozialtourismus – oder die Volunteer-Abenteuer-Reise – gibt es Unmengen von Argumenten, ökologische, ökonomische, vor allem soziale und menschliche. Dennoch kann man heutzutage per Mausklick zu einem unheimlich „guten Menschen“ werden und sich sogar aussuchen wie, im Sinne von „Was hätten Sie denn gern: Ein feueriges Abenteuer mit Salsa Musik (Lateinamerika); lachende dunkelhäutige Kinder (Afrika) oder doch lieber blaues Meer, weiße Strände und ein paar Palmen (Asien und Australien)?“

Volunteer Reise Ego Trip

Das Wort Völkerverständigung scheint in Vergessenheit geraten zu sein. Und das von Helfen in Wahrheit überhaupt nicht die Rede ist, vertuschen die schöne, bunte Werbung und die eindringliche Cowboystimmt im Werbefilm ganz wunderbar.

Quelle Foto: studivz.de



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