Film: La Isla – Archiv eines Genozids
Mehr als 200.000 Kinder, Frauen und Männer wurden umgebracht, 45.000 sind einfach verschwunden und über 5.000 Frauen wurden vergewaltigt. Das ist das Ergebnis von 36 Jahren Bürgerkrieg in Guatemala. Diese großen Zahlen sprechen für sich. Wenn Mensch sie mit denen anderer Länder der Region vergleicht, die ähnliche Prozesse durchmachen mussten, merkt Mensch schnell, dass sie die höchsten auf dem ganzen amerikanischen Kontinent sind. Als allerdings 1996 nach der Unterzeichnung der Friedensverträge die Wahrheitskommission fragte, ob es nicht ein Archiv der Policia Nacional (PN) gebe, um die ungeklärten Fälle von Verschwundenen zu untersuchen, war die offizielle Antwort der Regierung von Álvaro Arzú ein klares Nein. Unglaublicherweise hatten die Verantwortlichen aller Greultaten während des Bürgerkrieges jegliche Fußspuren verwischt. Bis zum heutigen Tag herrscht ein System des Terrors und der Straflosigkeit. Es basiert auf dem beharrlichen Schweigen und Fehlen von Beweisen.
Im Juli 2005 allerdings, gab es eine riesige Explosion in Guatemala Stadt, wobei das historische Archiv der PN entdeckt wurde. Es ist ein dunkler, feuchter Ort auf dem Gelände der heutigen Polizei Akademie. Das, was früher die Insel – la Isla - war, ein geheimes Gefängnis. Plötzlich tauchten 80 Millionen Dokumente auf, bis zur Decke gestapelte Türme von Papier, ettiketiert mit: Entführte, sexual Delikte, Vermisste. Würde man die ganzen Stapel in einer geraden Linie aufstellen, wären es 8 km Papier.
Genau von diesem Archiv handelt Uli Stelzners Dokumentarfilm “La Isla”. Die Geschichte einer Tragödie wird in außergewöhnlichen Bildern festgehalten und liefert den Beweis vergangener, unfassbarer Grausamkeit. Aber der Dokumentarfilm zeigt auch, wie die junge Generation der Archiv-Mitarbeiter einen Versuch startet, ihre eigene Gesellschaft aus dem Würgegriff der eigenen Geschichte zu befreien.
Von den 150 Leuten, die in dem Archiv in “la Isla” arbeiten, sind einige jüngere, Geschwister oder Kinder von Verschwundenen, Ermordeten. Uli Stelzner lässt in seinem Dokumentarfilm die Geschichte von eben solchen jungen Männern erzählen. Die Väter der beiden Protagonisten wurden von Sicherheitskräften ermordet. Doch ihre Arbeit in dem Archiv ist ein kleiner Schritt in Richtung Gerechtigkeit. Inzwischen sind mehr als 12 Millionen Akten gesäubert, geordnet und gesichert. Über 50 Verbrechen wurden mit Hilfe der in den Dokumenten gefundenen Beweise endlich aufgeklärt. Aber die Arbeit ist langwierig und teilweise auch gefährlich, so hat es bereits kleinere Anschlagversuche auf das Archiv gegeben.
Uli Stelzners Dokumentarfilm “La Isla” ist zur Zeit im Lichtblick Kino in Berlin Prenzlauerberg zu sehen. Aber auch in Guatemala selbst wurde er natürlich gezeigt und sorgte für große Aufregung. Für drei Vorführungen im rund 2.000 Menschen fassenden Nationaltheater waren die Karten schon Tage zuvor ausverkauft. So wird Stelzners Intention sich hoffentlich erfüllen: Den Film drehte er genau deshalb, um der Welt vor Augen zu führen, dass ein solches Archiv existiert, in dem die grausame guatemaltekische Vergangenheit festgehalten wird. Unglaublicherweise gibt es nämlich viele Guatemalteken, die “la Isla” besonders interessieren könnte, die nichts davon wissen. Stelzners größter Wunsch ist, dass der Film eine positive Debatte auslöst, um die Vergangenheit auf zu arbeiten.
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Kategorien: Kunst & Kultur
Tags: Film, guatemala, Lateinamerika, polizei, probleme, Zentralamerika



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