Lookism: “Frauen dürfen sexy sein wollen, aber es nicht müssen”

„Probier doch mal dieses Babydoll an, damit kannst du gut dein Hüftgold kaschieren.“ „Meinst du? Seh ich damit nicht total schwanger und fett aus?“ „Ach quatsch. Dazu noch die hohen Schuhe, die strecken und dann bist du sexy, sexy, sexy!“
So oder so ähnlich könnte ein gemeinsames Ankleidegespräch vor dem wochenendlichen Ausgehen unter Freundinnen ablaufen. Wir emanzipierten Frauen haben heutzutage schließlich das Glück, uns kleiden zu dürfen, wie wir wollen. Wir können selber entscheiden, ob wir uns nicht rasieren und keine Tangas tragen oder eben doch. Dennoch quälen sich viele Frauen mit unbequemer Kleidung, diversen Diäten und einem straffen Sportprogramm. Sie folgen ihrem inneren Drang und haben ihr Ziel ganz klar vor Augen: Schön sein! Und wer schön sein will, muss bekanntlich leiden. Aber was bedeutet eigentlich dieses Schön? Woher kommt der Wunsch schön zu sein?
Fast auf jeder Party (bei jedem „Darstellen“ in der Öffentlichkeit) kann man beobachten, wie sich Menschen nach dem Äußeren orientieren und dementsprechend als „hässlich“ empfundene Menschen am Rande des Interesses stehen. Ein gutes, nettes Aussehen bringt einem dagegen schnell Kontakte ein. Bei Bewerbungen spielt ganz klar das Foto eine große Rolle. Ein sympathisches Erscheinungsbild kann gut und gerne mögliche Makel kaschieren. Ein perlweißes, strahlendes Lächeln einer hochgewachsenen, schlanken Blondine, lässt das andere Geschlecht hilfsbereit hechelnd aufspringen, um einen schweren Karton zu tragen oder die Türe aufzuhalten – was bei einem pummeligen, grauen Mäuschen nicht der Fall wäre.
Neben den körperlichen Gegebenheiten ist auch unbedingt die Kleidung zu erwähnen. Ein jeder hat sich wahrscheinlich schon einmal unangemessen gekleidet und sich dementsprechend unpassend und fehl am Platz gefühlt. Aber anders als Schönheitsideale, sind die gesellschaftlichen „Modetrends“ schnelllebig und was in einem Jahr noch „schön“ war, kann im nächsten Jahr schon als „hässlich“ gelten.
Angeblich gibt es Menschen, die „Stil“ haben, diese haben die „richtige“ Kleidung in der „richtigen“ Kombination mit den „richtigen“ Accessoires und sind deshalb „schön“ angezogen, was ihren Marktwert erhöht.
Aber wo hat uns dieses Selbstinszenieren hingeführt?

Mast- oder Hungerkuren, chinesische Fußwickel oder Pumps, Schmucknarben oder Piercings – der Frauenkörper wirkt weltweit wie das Rohmaterial, das erst mit jahrelanger, ausgiebiger Bearbeitung schön wird. Seit Jahrtausenden, quer durch die Kulturen, werden Frauen beschnitten, gebrandmarkt, verbunden, gefeilt, gepresst, geschnürt, durchbohrt, gemästet, verätzt. Dies geschieht natürlich alles „im Namen der Schönheit“. Es gibt wohl kaum eine Frau zwischen Flensburg und Konstanz, die nicht irgendwann einmal in ihrem Leben eine Diät gemacht hätte. Und wenn das Selbstbild erst einmal auf „dick“ programmiert, bleibt es meistens dabei. Egal, was die Waage sagt. 600.000 Essgestörte können nicht irren.
Ein Hauptgrund für Essstörungen sind die Medien. In vielen Fernsehwerbungen sieht man „schöne“, dünne Models, die Kosmetikprodukte anpreisen. Schönheit wird zumindest in Deutschland mit dünn und kurvenlos gleichgesetzt, denn alle diese Models haben ein Gewicht, das unter dem Durchschnitt liegt und kein einziges Makel. Die Mädchen und Frauen, die diese Werbung sehen, wollen natürlich auch gerne so perfekt aussehen, dabei merken sie nicht, dass das gar nicht möglich ist. Das gleiche gilt für Sendungen wie „Germany’s next topmodel“. Wunderschöne, dünne Mädchen haben die Chance ihren Traum Topmodel zu werden zu erfüllen, den viele der Zuschauer teilen. Die zukünftigen Topmodels werden bewundert und zu einem Vorbild erhoben. Je mehr Jugendliche diesen Werbungen und Sendungen ausgesetzt sind, desto mehr wünschen sie sich dünn zu sein. Sie beginnen zu hungern, weil sie glauben, erfolgreicher, glücklicher und schöner zu sein, wenn sie abgenommen haben. Genau das wird nämlich in einem Großteil der Werbung propagiert. Die Essstörung ist der einzige Weg, um das ferne Ziel zu erreichen. Auch Zeitschriften sind voll von „idealen Frauen“. Beim Betrachten der Bilder denkt niemand darüber nach, dass die meisten nachbearbeitet wurden, damit sie noch perfekter aussehen. Wir sind so sehr umgeben von diesem dünnen Schönheitsideal, dass wir fast gar nicht anders können als ihm nachzueifern. Zusätzlich werden überall Kalorienreduzierte Produkte angepriesen und viele Frauenzeitschriften bringen regelmäßig Artikel zum genussvollen, nachhaltigen Gewichtsverlust, um das abnehmen zu erleichtern. Um Alter und Altern abzuschaffen und die extreme Stilisierung des Körpers orientieren sich Frauen an Kriterien außerhalb ihres Körpers, wie Kalorien, strikte Uhrzeiten, Waage, …und lassen sich sehr von den Medien beeinflussen. Unsere westliche Gesellschaft zwingt uns ganz bestimmte Bilder auf und wir lassen es wortlos zu – oder?
Mit dem Begriff Lookism wird die nicht akzeptable Einteilung in „schön“ und „hässlich“ bezeichnet. Es sind leise Stimmen, die gegen eben diesen Lookism zu hören sind, aber es gibt sie. Es geht ihnen nicht darum, das Schönheitsempfinden gegenüber anderen „individueller“ zu prägen sondern sich gänzlich von Klassifizierungen von Körpern in „schön“ und „hässlich“ zu trennen.
Das bedeutet nicht, dass die Menschen niemanden mehr schön, im Sinne von sympathisch, attraktiv oder angenehm, …, finden sollen, sondern einfach offener – toleranter – allen Äußerlichkeiten gegenüberstehen und zunächst zuhören. Es ist ein schwieriges Thema, weil viele Faktoren hineinspielen und obwohl es als wichtig erachtet wird, dass mit der antiquierten Unterteilung von künstlichen, verfälschten und durch Kosmetika und Schönheitsoperationen bearbeiteten Körpern und manipulierten Frauen gebrochen wird, ist Schönheitshandeln (Gestaltung des Aussehens) stets als ambivalent zu begreifen. Zwar ist es in jedem Fall normgeleitetes Handeln, jedoch kann eine Nicht-Inszenierung nicht das Ziel sein – überdies: eine Nicht-Inszenierung ist überhaupt nicht möglich! – und Schönheitshandeln ist, wenn auch eingebunden in Normen, eine Möglichkeit des selbstbestimmten Ausdrucks.
Man merke, unsere Freiheit „Frauen dürfen sexy sein wollen, aber sie dürfen es nicht müssen“ ist tatsächlich eine Gegebenheit und wird „nur“ unbewusst durch die allgemeinen äußeren Umstände beeinträchtigt…
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Kategorien: Gedankenwelt

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