Frieden in Guatemala – Wahrheit oder Illusion?

Tikal in Guatemala

Tikal in Guatemala

Was assoziiert man mit Guatemala? Kaffee vielleicht oder auch die mystische Maya-Zivilisation. Doch Tatsächlich ist dieses wunderschöne, kleine Land so unbekannt in unseren Breiten, dass viele sich Fragen, wo es überhaupt liegt – in Afrika? In Lateinamerika?

Die Republik Guatemala befindet sich in Zentralamerika. Es ist ein multiethnischer Staat, bunt und vielfältig. Klingt interessant, ist aber leider der Grund für unglaubliche Probleme…

Nach 36 Jahren blutigen Bürgerkriegs, wurden 1996 die festen und dauerhaften Friedensverträge (Acuerdos de Paz Firme y Duradera) unterzeichnet. Demnach herrscht nun schon seit 14 Jahren Frieden in Guatemala. Aber ist das wirklich möglich, nach so vielen brutalen und grausamen Massakern, die mehr als 200.000 Kinder, Frauen und Männer das Leben gekostet haben?

Um die Schwierigkeiten der Friedensverträge und auch der heutigen Situation zu verstehen, muss Mensch sich ein wenig mit der guatemaltekischen Geschichte auseinandersetzten.

Historisch betrachtet war Guatemala immer schon ein autoritärer Staat. Schon seid der Vor-Hispanischen Zeit waren alle politischen, wirtschaftlichen und sozialen Strukturen sehr hierarchisch und exkluierend organisiert.

Ungefähr die Hälfte der Bevölkerung ist indigener Herkunft. Wir fassen sie heute alle unter dem Begriff Mayas zusammen, aber tatsächlich handelt es sich um verschiedene Völker, die über 20 unterschiedliche Sprachen sprechen. Bis zum heutigen Tag werden sie diskriminiert und unterdrückt. Die Indigenen sind die Armen, die Analphabeten, diejenigen, die die niedere Arbeit verrichten.

Guatemala

Die dunkelste Zeit in der guatemaltekischen Geschichte war der Bürgerkrieg zwischen 1960 und 1996. Auslöser war ein Putsch, unterstützt von den USA, die genau wie der neue Präsident Carlos Castillo gegen die linken Tendenzen und Agrarreformen der vorangegangenen Regierung waren. Während der Jahre des Bürgerkrieges richtete sich die vom Staat ausgehende Gewalt explizit gegen die Bevölkerung mit Maya-Wurzeln und Linke Aktivisten – gegen alle diejenigen, die für mehr Gerechtigkeit und soziale Gleichheit kämpften. Aus diesem Teil der Bevölkerung bildete sich letztendlich die URNG – Unidad Revolucionaria Nacional Guatemalteca. Die Konfrontation von Militär und URNG provozierten Massaker, bei denen Tausende von Menschen starben, und Verschleppungen, Menschen verschwanden einfach und die meisten Fälle sind bis heute ungeklärt. Weitere Konsequenzen des Bürgerkrieges waren massive Menschenrechtsverletzung und Zerstörung der Infrastruktur. 1999 erklärte die Wahrheitskommission, dass die Taktiken der regierungsfreundlichen Kräfte den Charakter eines Genozids hatten.

Nach diversen Militärdiktaturen wurde 1985 Vinicio Cerezo als Präsident gewählt und die Partido Democrata Cristiano de Guatemala gewann die Wahlen unter einer neuen Konstitution. Mit Cerezo begann der Weg, der 1996 mit der Unterzeichnung der Friedensverträge endete. Bei den ersten direkten Treffen von Regierung und URNG, die Grundsätzlich im Ausland stattfanden, war nur eins klar, beide Seiten wollten Frieden, doch in allen weiteren Punkten gingen die Meinungen derart auseinander, dass die Verhandlungen zehn Jahre dauerten.

Die Friedensverträge beinhalten viele wichtige Punkte. Zu aller erst sollte eine Demokratisierung stattfinden und ein inkludierendes politisches Programm entstehen, dass Partizipation ermöglicht. Alle auf Grund der bewaffneten Konfrontation zerstörten Ortschaften sollten wieder aufgebaut werden. Dieses Abkommen beinhaltete die Vereinfachung der Rückkehr aller nach Mexiko geflohenen Guatemalteken, die nun kein Land und kein Haus mehr in Guatemala besaßen. Die Wahrheitskommission wurde gegründet, um die Bürgerkriegsgeschichte aufzuarbeiten. Ein weiteres großes Thema war die Identität und Rechtslage der indigenen Völker. Diskutiert wurde über die Konstruktion einer vereinten, multiethnischen, plurikulterellen und multilingualen Nation. Gefordert wurde soziale Gerechtigkeit, nationale Solidarität und nachhaltiger wirtschaftlicher Wachstum. Das Feuer wurde eingestellt. Die Legalisierung der URNG fand statt und wenig später entwickelte sie sich zu einer politischen Partei. Neben vielen weiteren Punkten entstand ein Zeitplan für die Umsetzung aller angestrebten Ziele. Höhepunkt war der 29. Dezember 1996, an dem Vertreter der Regierung, der URNG und der Vereinten Nationen die dauerhaften und festen Friedensverträge mit ihrer Unterschrift verzierten.

Wie kann es da sein, dass nach ewigen Verhandlungen und einem scheinbar gut ausgearbeiteten Programm zur Verbesserung 2008 als das gewalttätigste Jahr in der guatemaltekischen Geschichte erklärt wurde? Oder das in Guatemala Stadt täglich so viele Menschen sterben wie in Bagdad?

Kritische Stimmen lassen verlauten, dass die Friedensverträge eigentlich gar keinen Inhalt haben. Es sind Kompromisse von völlig konträren Seiten, die unterschiedliche politische Ideen verfolgen. Genau deshalb fehlen präzise Forderungen und konkrete Maßnahmen.

Nach so viel Blut und so viel Gewalt, ist es unmöglich an das Gute im Menschen zu glauben. Es ist wirklich nötig, ein einheitliches, harmonisches Guatemala zu konstruieren, in dem die Werte Recht und Wahrheit für alle gelten; eine gerechte, demokratische und solidarische Gesellschaft, in der die Würde des Menschen und die Menschenrechte respektiert werden; Freiheit und Sicherheit als garantierte Konditionen für ein respektvolles, tolerantes Zusammenleben in der kulturellen Diversität. Um diese Utopie zu verwirklichen braucht es Konsense, große und kleine, die es erlauben etwas Neues zu konstruieren und die entgegen wirkenden Kräfte zu eliminieren. Ohne das Einhalten der verhandelten Kompromisse in den Friedensverträgen wird es keinen Frieden geben. Aber ohne den Inhalt mit all seinen Implikationen wirklich zu kennen und verstanden zu haben, können sie nicht eingehalten werden. Was sind die Friedensverträge tatsächlich? Ausgangspunkte, um zu reflektieren und zu debattieren. Ausgangspunkte, um die Utopie eines multiethnischen, plurikulturellen, multilingualen Guatemala zu verwirklichen.

Die Materialisation dieses Traums wird unglaublich schwierig, da einem klar sein muss, dass sich die Probleme in diesem Land nicht von heute auf Morgen in Luft auflösen werden. In Guatemala existieren weiterhin sehr mächtige Sektoren, die die Friedensverträge systematisch attackieren. Das beste Beispiel ist Ex-Diktator Efrain Rios Montt, der öffentlich verlauten lässt, dass wenn er noch an der Macht wäre, alle Mitglieder der Kommandantur der URNG in dem Moment erschossen worden wären, in dem sie nach den Verhandlungen auf dem guatemaltekischen Flughafen landeten. Nicht zu vergessen ist auch, dass Rios Montt trotz seiner Verbrechen während des Bürgerkrieges weiterhin Straffreiheit genießt und Führer der extrem rechten Partei FRG ist.

Auch wenn Alvaro Colom, der aktuelle Präsident in Guatemala, überzeugt sagt: „Diese Regierung ist gekommen, um der Armut auf den Grund zu gehen und für Gesundheit und kostenfreie Schulbildung zu sorgen. Wir kämpfen für ein besseres Guatemala!“, ist die Einhaltung des in den Friedensverträgen festgelegten Zeitplans scheinbar völlig vergessen. Die Kriminalität nimmt weiter zu und die Menschen gewöhnen sich daran, dass der Tod zum Alltag gehört. Der Tod ist sicher, das Leben nicht. Aber in Guatemala herrscht Frieden.

Dieser Artikel ist neben vielen anderen interessanten Beiträgen in der (W)ortwechsel weltweit zu lesen.



Verwandte Artikel

Kommentare

No Comments

Eine Antwort hinterlassen

Name *

Mail *

Website