Ist Gleichheit wirklich nötig? – Harry Frankfurt

Harry Frankfurt ist ein US-amerikanischer Philosoph und emeritierter Professor an der Princeton University. In seinem Werk “Necessity, Volition, and Love” kann Mensch u. a. einen interessanten Essay über Frankfurts Ansichten zum Thema Gleichheit lesen. In dem Text „Equality and Respect“ vertritt Frankfurt die These, dass Gleichheit kein intrinsischer moralischer Wert sei. Damit befürwortet er weder Ungleichheit, noch spricht er sich gegen Anstrengungen der Gleichheit zugunsten aus. Im Gegenteil, er unterstützt im weitesten Sinne solcherlei Bemühungen. Aber diese Überzeugung gründet sich nicht auf einen moralischen Wert der Gleichheit.

Der Philosoph Harry Frankfurt

Frankfurt zu folge, hat das Streben nach Gleichheit eher einen instrumentellen Wert, denn mehr Gleichheit – egal welcher Art – trage zur Vereinfachung bei, andere sozial wünschenswerte Ziele zu erreichen. Frankfurt geht davon aus, dass es kein egalitäres Ideal gibt, das von ganz allein in irgendeiner Weise wertvoll wäre. Wann immer der Egalität ein Wert beigemessen wird, basiert dies tatsächlich auf der Förderung eines anderen, wahren Wertes. Frankfurt argumentiert, dass es nicht moralisch wichtig sei, ob Menschen gleich viel verdienen oder das gleiche Vermögen besitzen, sondern, dass jeder Mensch schlichtweg genug hat – genug, um angemessen zu leben und nicht nur gerade eben zurecht zu kommen.

Frankfurts These zu folge, ist es also zunächst in keinster Weise kritisch zu betrachten, dass Frauen in Deutschland im Durchschnitt 23% weniger verdienen als Männer, solange sie ausreichend Gehalt bekommen, um davon gut zu leben. Gleichheit – gleiches Einkommen für Mann und Frau – hat an sich keinen moralischen Wert. Dennoch gibt es Bestrebungen in diese Richtung, die darauf basieren, dass beiden Geschlechtern Respekt zu zollen sei. Es ist moralisch wertvoll, die Arbeit von Männern, sowie von Frauen zu respektieren. Eine ungleiche Bezahlung ist respektlos. In diesem Sinne wird Gleichheit zum Instrument des respektvollen Handelns und somit wichtig.

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Das Gleiche in grün?

Harry Frankfurt argumentiert gegen die Auffassung, dass Gleichheit intrinsisch wertvoll sei, anhand des Beispiels eines guten Lebens. Frankfurt macht die Leser_innen zunächst mit einer pro-egalitaristischen Auffassung bekannt, mit Thomas Nagels Frage, wie es denn nicht teuflisch sein könnte, dass manche Menschen schon von Geburt an radikal schlechtere Lebensaussichten hätten, als andere. („How could it not be an evil that some people’s life prospects at birth are radically inferior to others?“). Eine Frage, die allen Leser_innen wohl zunächst vollkommen gerecht fertigt und plausibel vorkommen muss.

Im Folgenden widerlegt Frankfurt Nagels Position allerdings systematisch, indem er der Argumentationsweise der Verfechter eines egalitären Systems den Boden entzieht. „Having less is compatible, after all, with having quite a bit; doing worse than others does not entail doing badly“, so Frankfurt. Es stellt sich folgende Frage: Warum sollte ein Leben, dessen Gegebenheiten schlechter sind, gleichzeitig ein schlechteres Leben sein? Denn, gemessen an welchen Umständen ist es schlechter? Manch ein Mensch ist in der Lage zwei Autos zu finanzieren, ein_e andere_r vielleicht nur eins. In solch einem Falle ist Ungleichheit relativ egal. Menschen aus den unteren gesellschaftlichen Schichten betreffend, sollte Mensch sich klar sein, dass es keine unumgängliche Verbindung gibt zwischen „gesellschaftlich weit unten“ und „arm sein“ im Sinne von Armut als ernsthafte und moralisch verwerfliche Barriere für ein gutes Leben. Sie haben – von der Gesellschaft anerkannt – weniger als die meisten, dennoch weist ihr Leben durchaus wertvolle Elemente auf.

Auch wenn Mensch weiterhin darauf besteht, dass Ungleichheit niemals vollkommen akzeptabel ist, kann der Philosoph Harry Frankfurt kontern. Seiner Meinung nach ist es unnötig jegliche Diskrepanz als teuflisch zu bezeichnen. Es ist doch vollends vertretbar, wenn gewisse Menschen das Glück haben, ein sehr gutes Leben führen zu können, andere hingegen „nur“ ein gutes Leben. „Inequality is, after all, a purely formal characteristic“ und formelle Kriterien spielen nur dann eine Rolle, wenn Mensch ihnen Wichtigkeit zuspricht. Auf das Beispiel der Lebensqualität bezogen, beginnen Menschen folglich erst zu behaupten, ihr Leben sei gut oder schlecht, wenn sie es mit anderen vergleichen.

Frankfurt schließt, dass das eigentliche Problem nicht die Ungleichheit ist, sondern „the evil lies simply in the unmistakable fact that bad lives are bad“. Damit wird deutlich, wie wichtig es ist, die Konditionen zu schaffen, dass jede_r ein gutes Leben führen kann. Einige Menschen genießen deutlich angenehmere Lebensumstände, woraus wir lernen, dass zumindest die Möglichkeiten bereits gegeben sind. Eine bestimmte „nur“ gute Lebensqualität muss für jede_n gegeben sein. Aber die Variationen „gut“, „besser“, „am besten“ sind laut Frankfurt bestens vertretbare Ungleichheiten. Wörtlich: „It will presumably be conceded that one good life may be less good than another, and hence that mere inferiority does not entail that a life is necessarily bad.“

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