K. Meyer – Chancengleichheit = gleiche Chancen?

Kirsten Meyer argumentiert in “Warum sollten Chancen gleich sein? Chancengleichheit und Egalitarismuskritik” dafür, dass Kinder mit gleichen Begabungen unabhängig von ihrer Herkunft die gleichen Bildungschancen haben sollten. Doch wie ist es zu verstehen, wenn Meyer sagt, es handele sich dabei um eine “streng egalitäre” Forderung?

Chancengleichheit: Bildung für alle!

Chancengleichheit: Bildung für alle!

Kirsten Meyer legt dar, dass Chancengleichheit durchaus “streng egalitär” sei, weil es bei vielen Forderungen nach eben dieser Chancengleichheit unverzichtbar ist, explizit auf die Gleichheit der Chancen hinzuweisen. Um Meyers Argumentation folgen zu können, muss zunächst der Begriff “Chance” geklärt werden. Chance bezieht sich allgemein auf die Beziehung zwischen einem Menschen und einem Ziel, aber dennoch – so Meyer – gibt es mindestens drei Definitions-Varianten:

1. Einer Person stehen keine Hindernisse im Weg.

2. Es besteht die Aussicht oder die Wahrscheinlichkeit auf die Realisierung gewisser Ziele einer Person oder einer Gruppe.

3. Eine Person hat die Möglichkeit (”opportunity” von Engl. “equality of opportunities”) ein bestimmtes Ziel zu erreichen, wobei die Gelegenheit völlig frei genutzt werden kann, aber nicht genutzt werden muss.

Die Aussage, dass alle Kinder mit gleicher Begabung unabhängig von ihrer Herkunft die gleichen Bildungschancen haben sollten, wirkt zunächst nicht streng egalitär, sondern rein rhetorisch, um den Einbezug aller Kinder mit Nachdruck deutlich zu betonen. Diese Forderung hätte zur Folge, dass alle Hindernisse, die einen Schulbesuch verhindern, aus dem Weg geräumt werden müssten (z.B. Schulen in Reichweite, Schule bezahlbar / kostenfrei, … ). Auf diese Weise stiege für viele Kinder die Wahrscheinlichkeit einen Schulbesuch zu realisieren. Doch diese Möglichkeit kann jedes Kind gleichermaßen völlig freiwillig nutzen – oder nicht nutzen. Meyer schreibt, “eine solche Forderung würde sich gegen Diskriminierung richten”, was durchaus wichtig und richtig ist. Dennoch spinnt Kirsten Meyer die Gedanken weiter und zeigt die streng egalitären Elemente der Forderung nach gleicher Schulbildung für alle auf.

Meyer behauptet, “wenn gefordert wird, dass zwei Personen die gleichen Chancen auf das Erreichen eines Zieles haben sollten, dann könnte gefordert sein, dass es für beide gleich wahrscheinlich sein soll dieses Ziel zu erreichen.” Chance wird in diesem Fall als ausdrückliche Erwartung verstanden. Chancengleichheit bedeutet demnach “gleiche Wahrscheinlichkeit oder gleich gute Möglichkeit”. Fakt ist, dass nach wie vor Kinder aus sozial höheren Schichten häufiger Abitur machen, als Kinder mit sozial schwächerem Hintergrund. Chancengleicheit streng egalitär verstanden, verlangt, dass Kinder ungeachtet ihrer Herkunft, gleich gute Möglichkeiten haben sollten, Abitur zu machen. Meyer formuliert es wie folgt: “Wenn einige mehr Möglichkeiten haben, als andere, dann sollten diejenigen, die weniger haben, zusätzliche Möglichkeiten haben, weil die anderen mehr haben als sie.”

Es reicht also nicht, genügend kostenfreie / bezahlbare, erreichbare Schulen bereit zu stellen, es muss vielmehr explizite Unterstützung für Kinder aus sozial schwächeren Familien geben, um Chancengleichheit sicher zu stellen.

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