Das Phänomen “Mara” in Zentralamerika

In Zentralamerika jagen “marodierende Jugendbanden”, so genannte Maras, den Menschen Angst und Schrecken ein. Doch ist es nicht ein bisschen voreilig und sehr bequem, diese Maras für alle entstehenden Probleme verantwortlich zu machen und sie einfach so – sprich alle tätowierten Jugendlichen – in eine Schublade zu stecken? Es ist unanzweifelbar, dass die Maras in Zentralamerika ein teilweise erschreckendes Phänomen sind, aber gerade deshalb bedürfen sie genauerer Betrachtung.

jugendliche in zentralamerika

Die Maras und Jugendbanden im Allgemeinen sind normale soziale Phänomene in einem bestimmten Alter. In diese Gruppierungen sind hauptsächlich Jugendliche, Kinder und junge Erwachsene verwickelt. Die typische Altersspanne liegt zwischen 11 und 25 Jahren – also Übergangsphase vom Kind zum Erwachsenen.

Die Gangmitglieder kommen gewöhnlich aus ökonomisch benachteiligten Gebieten, aus dem urbanen Bereich oder aus vorstädtischen Arbeitervierteln. Oft handelt es sich um Schulabbrecher, die dann niedere, schlecht bezahlte Arbeit annehmen müssen. Die Jugendbanden werden mit gewaltsamem Verhalten verbunden. Als Mara-Mitglied wird man automatisch in risikoreiche, illegale und gewalttätige Aktivitäten verwickelt.

Dieses Phänomen ist nicht auf die zentralamerikanische Kultur zurückzuführen. Maras, Gangs, Banden, Gruppierungen,… tauchen in allen Gesellschaften auf. Das Problem ist folgendes, der bestimmte Typ Gang, der als Mara definiert wird, weist ganz bestimmte Charakteristika auf. Gangmitglieder sind meist im Drogenhandel verwickelt. Außerdem nutzt der Staat die Maras geschickt als allein Verantwortliche für alle Verbrechen. Schließlich sind die Gangs schuld am städtischen Terror und gewalttätiger Kontrolle in den Barrios, den Stadtvierteln. Den Bürgern wird gezielt Angst eingejagt. Sicherheitsdienste und Medien machen die Jugendbanden für einfach alles verantwortlich, nur weil sie diejenigen sind, die nichts haben und sich nicht angemessen gegen die Vorwürfe und ihre eigene Situation wehren können. Ungeachtet dessen gehen die Drogenhändler und organisierten Verbrecher weiterhin ihren Tätigkeiten nach: Sie entführen, morden, erpressen, rauben Autos, Laster und Banken aus, vergewaltigen, handeln mit Waffen, Drogen, Kindern, Organen, etc. Die Mareros werden anhand ihrer Tattoos und Armut identifiziert und etikettiert, sodass leider häufig vergessen wird, dass Armut eigentlich eine soziale Konditionierung ist und kein determinierendes Element. Nicht jeder, der arm ist, ist Marero, nicht jeder, der tätowiert ist, ist Marero.

Die Maras haben begonnen ihre Barrios zu kontrollieren, sie kämpfen für Loyalität und ihr Territorium. Anhand eines Ehrencodex`, über den sie sich definieren, entstanden diverse Initiationsriten. Ziel ist es, das neue Gang- Mitglied kennen zu lernen, seine Fähigkeiten und Stärken zu entdecken, die unter anderem nötig sind für einen Kampf gegen andere Barrios oder Personen, denen die Stärke und die Existenz der eigenen Gruppe klar gemacht werden muss. Diese Initiationsriten sind von Barrio zu Barrio verschieden, vor allem, was Frauen betrifft. Manche werden gezwungen mit anderen Gangmitgliedern zu schlagen, um in die Mara aufgenommen zu werden, andere können ganz ohne Ritual beitreten. Sie werden einfach durch die gemeinsame Sozialisierung und Erfahrung akzeptiert. Auch bringen nicht alle Banden die Homies (weibliche Bandenmitglieder) und Homboys (männliche Bandenmitglieder) um, die ihr eigenes Umfeld, ihr eigenes Barrio ablehnen oder verlassen. Tatsächlich hat jedes Barrio, jede Mara ihre eigenen Regeln.

Guatemala Maras

Mit den Mareros verbunden werden Graffitis, Tattoos und Wandgemälde. Ganz besonders die Figur der Mutter und der Jungfrau Maria, die griechischen Masken – lachend und weinend, sowie Gefängnisse sind immer wieder zu findende Symbole in ihrer Kunst. Die Tätowierungen sind wie ein persönlicher Lebenslauf, die die Emotionen der Jugendlichen widerspiegeln.

Das Problem ist, dass die Jugendgangs sich nicht notwendigerweise die gewalttätige Art und Weise aussuchen, der wahre Grund, warum sich diese Gruppen junger Leute zusammenfinden ist Zuneigung. Die Mitglieder finden sich zusammen, weil sie eine ehrliche Bruderschaft suchen. Die Gemeinschaft gibt ihnen einen gewissen Grad an Schutz, aus dem es später schwierig ist wieder herauszukommen, da sie Schwüre für ihr ganzes Leben ablegen und den internen Kodex kennen, der vor allen Außenstehenden geheim bleibt. Bei einem Austritt, handelt es sich also um Verrat an der Gemeinschaft, deren Teil man ist.

Nicht nur wegen ihrer internen Regelungen und Bandenkriege leben die Mareros in großer Unsicherheit, sondern auch, weil die Gesellschaft sie verantwortlich macht für alles, was nicht richtig läuft. Sie sind Teil dieser absolut gewalttätigen Gesellschaft, Opfer, die sich in Mörder verwandeln. Gewalt und Waffen gehören zum zentralamerikanischen Alltag – was sicherlich keine gute Ausgangsposition für eine friedliche Gesellschaft ist.

Mit der Angst, die dieser Gesellschaft ins Blut übergegangen ist, kann man sie lenken und abhängig machen von einer konstruierten Sicherheit, die den Mächtigen und reichen Privatleuten Vorteile verschafft. So wird die Gesellschaft glauben gemacht, Gewalt sei ein ganz natürliches Ärgernis, das man ertragen muss. Es ist schlecht, in einem Staat das Tragen von Waffen zu erlauben. Aber ohne Waffen kann man sich ja nicht verteidigen. Sicherheit ist das vorrangige Thema, noch vor den wirklich wichtigen Dingen wie Gesundheit, einem Dach über dem Kopf, Bildung, Arbeit und vielem mehr. Die Leute beschäftigen sich nur noch mit Sicherheit und Abwehr und nähren die militärischen, paramilitärischen Apparate, den Waffenbesitz, den Krieg. Die größte Industrie der Welt wird immer damit gerechtfertigt, dass sie Krieg präventiert, für städtische Sicherheit sorgt und der nationalen Abwehr dient.

Die kleinen Mareros sind tatsächlich nur ein Produkt und ein Instrument dieser seltsamen Gesellschaft.

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