Tanzstudium oder eine sichere Zukunft? – Interview mit Darko Radosavljev
“Mir fehlt die Sicherheit, aber dafür habe ich Zeit zu reflektieren.”
In der vergangenen Woche begann für viele Studenten das Wintersemester. Viele Abiturienten haben sich in den vergangenen Monaten den Kopf darüber zerbrochen, was genau sie studieren sollen und entschieden sich für klassische Fächer wie BWL, Jura oder Medizin.
Geht das auch anders? Darko Radosavljev wollte zunächst auch einen Job garantierenden Studiengang, gefolgt von einem sicheren Arbeitsplatz. Im Gespräch mit Hula Blitz erklärt er warum daraus nichts geworden ist und weshalb das auch Vorteile hat.

Darko Radosavljev studiert Tanz
Gözde Peşman: Februar 2008. Darko, was hast du zu diesem Zeitpunkt gemacht?
Darko Radosavljev: Ich habe versucht -möglichst gut- mein Abitur zu machen. Nebenbei habe ich geschauspielert und ich habe mir Gedanken um meine Zukunft gemacht.
G.P.: Apropos Zukunft: Du wolltest Diplomat werden, deshalb war auch das Abitur so wichtig. Jetzt studierst du an der Folkwang-Hochschule Tanz. Warum hast du dich umentschieden?
D.R.: Ich glaube ich habe es vorher nie in Erwägung gezogen Tanz zu studieren, weil mir immer von allen Seiten gesagt wurde, dass es nichts fundiertes sei, deshalb kam es auch für mich nie in Frage. Aber genau zu dieser Zeit, im Februar 2008, hatte ich die erste Audition, eine Bewerbung für einen Platz an der Tanzhochschule, hinter mir. Dort wurde ich nicht angenommen. Ich habe zu der Zeit angefangen mich zu trauen etwas anders zu denken und ich habe dabei gemerkt, dass nach wie vor ein großes politisches Interesse habe. Aber die Bewegung ist ein Teil von mir- das klingt jetzt ein wenig klischeehaft-seitdem ich laufen kann. Und ich habe keinen Grund mehr gesehen, weshalb ich es nicht einfach probieren sollte. Das Tanzen ist einfach ein integraler Bestandteil meiner Person und das war für mich Grund genug dem Drang nachzugeben und es zumindest zu probieren. Und dann hat sich eins nach dem anderen ergeben.
G.P.: Es ist aber dennoch unbestreitbar, dass eine Karriere beim Auswärtigen Amt ein höheres Gehalt verspricht, als der Beruf des Tänzers. Sicherlich gibt es auch Eltern, die einem raten etwas bodenständiges wie Jura oder BWL zu studieren. Verstehst du Jugendliche, die dem Rat ihrer Eltern folgen?
D.R.: Ich verstehe es dann, wenn es genau das ist, was einen interessiert. Ich denke es gibt Menschen, die eine Leidenschaft – und das meine ich ganz ernsthaft- für Zahlen, Statistiken und komplexe Sachverhalte entwickeln können. Selbst wenn sie für das BWL-Studium eine andere Leidenschaft unterdrücken kann ich es verstehen. Vermutlich fehlt ihnen die finanzielle Sicherheit in einem künstlerischen Studiengang. Aber ich kann denen, die eine Leidenschaft für das künstlerische verspüren und sich wegen finanzieller Unsicherheit nicht trauen das auszuleben, einfach nur Mut wünschen. Ich hoffe, dass sie für sich selbst alle Möglichkeiten abwägen und ehrlich zu sich selbst sind. Am Ende muss jeder für sich selbst wissen, was das Richtige ist.
G.P.: Das berufliche Leben eines Tänzers ist relativ kurz. Mit 30, höchstens 40 Lebensjahren ist die Karriere oft vorbei. Hast du manchmal Existenzängste?
D.R.: Ja habe ich und das ist auch ein Thema, mit dem ich mich beschäftige. Aber ich glaube, dass sich nicht nur die in künstlerischen Berufen tätigen Menschen darüber Gedanken machen. Viele Freischaffende müssen sich von dem Gedanken verabschieden, dass sie irgendwann einen festen Job bekommen und diesen die nächsten 40 Jahre ausführen können. Das Argument, dass ich als Tänzer keinen festen Job bekomme hinkt also. In vielen anderen Bereichen ist es auch so, dass es keine langjährige Garantie für einen Job gibt- es sei denn, man arbeitet im öffentlichen Dienst. Irgendwie genieße ich auch die Naivität und die Ungewissheit, in der ich mich befinde. Vor allem aber genieße ich die Freiheit, die ich mir nehmen kann. Ich habe einfach die Möglichkeit vieles zu probieren.
Natürlich ist es etwas schönes Sicherheit zu haben, aber viele ziehen einfach nur ihr Studium so schnell wie möglich durch, ohne viel Zeit zu verlieren. Ich glaube, dass sich ab einem gewissen Punkt bei jedem Fragezeichen bilden: Warum mache ich gerade das was ich mache? Mir fehlt zwar sie Sicherheit, aber ich habe Zeit mir solche Fragen zu stellen und zu reflektieren, was ich tue.
G.P.: Du hast gerade angesprochen, dass viele ihr Studium so schnell wie möglich durchziehen . Gibt es in künstlerischen Studiengängen mehr Zeit zum reflektieren als bei den klassischen?
D.R.: Ich bin auch Bachelor Student, das heißt auch ich muss einen gewissen zeitlichen Rahmen erfüllen. Dadurch, dass man in künstlerischen Studiengängen so viele Möglichkeiten hat, Dinge auszuprobieren, kann es auch dazu kommen, die Orientierung zu verlieren. Aber es ist Teil des Studiums das reflektieren, es ist Studieninhalt, sich selbst zu hinterfragen, eben durch die Dinge, die man macht, die Workshops, Seminare, etc. In anderen Studiengängen sind die Inhalte oft stringenter.
G.P.: Zurück zu dir. Was wirst du nach dem Studium machen und was wirst du tun, wenn du nicht mehr als Tänzer arbeiten kannst?
D.R.: Ich werde immer als Tänzer arbeiten (lacht).Aber was ich nach meinem Studium machen möchte….Also im Moment möchte ich versuchen, viele Gedanken- und Bewegungskonzepte, viele Ideen mitzunehmen . Und das möglichst in vielen verschiedenen Ländern. Am besten fände ich es, wenn ich eine Stelle hätte, wo ich tanzen könnte, in Form einer Company . Aber mit der Einschränkung, dass ich außerhalb der Company auch noch Workshops oder Seminare geben könnte. Ich sehe mich aber auch in zwei Jahren, am Ende meines Studiums nicht als Tänzer- auch wenn das dann de facto auf dem Papier steht.
G.P: Glaubst du, dass du vielleicht doch irgendwann beim Auswärtigen Amt landen könntest?
D.R.: Ich weiß nicht, ob ich beim Auswärtigen Amt landen wollen würde…Ich habe gehört, dass die Hierarchien dort sehr definiert und stark sind. Das ist auch nichts negatives, aber mein Konzept vom Arbeiten entfernt sich nach und nach davon. Vielleicht werde ich auch zwischenzeitlich nicht im künstlerischen Bereich arbeiten, ich möchte in jedem Fall offen durch die Welt gehen. Ich habe einfach Lust etwas zu sagen und etwas auszudrücken und das kann über die Jahre auch andere Formen, außer der des Tanzes annehmen.
Gözde Peşman
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Kategorien: Kunst & Kultur
Tags: Interview, tanzen, Universtität

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