"Wie die Geige, nur größer"

bratsche

Also, wenn man ganz ehrlich ist, stimmt diese Aussage sogar – teilweise. Die Viola, oder auch Bratsche, erscheint rein äußerlich wie eine Geige, ist jedoch etwas größer und dicker. Böse Zungen mögen dies als klobig, schwer und uncool abtun. Bratsche… was ist das denn? Als Bratscher wird man gerade von den Geigerkollegen häufig belächelt, weshalb ein Vergleich mit eben diesen missfällt. Die reinste Diskriminierung…
Die Bratsche entstand – wie die gesamte Geigenfamilie – im 16. Jahrhundert in Norditalien als kleineres Alt Instrument. Fast von Beginn an, wurde die Viola größtenteils ignoriert und stand im Schatten der kleinen, zarten Violine. In den frühesten Jahren gehörten zwar zu einer normalen Quartettbesetzung noch zwei Bratschen und in Quintetten strichen sogar drei Bratschen. Doch dann wuchs die Popularität der Violin-Sonate und die Violine galt allgemein als höchste Form der „akustischen-Perfektion“, während die Viola immer mehr in Verruf geriet. So wandten sich die meisten Musiker dem kleineren, weniger anspruchsvollen Instrument zu, worauf Komponisten selbstverständlich produktiv reagierten. (Interessant dennoch, dass man zu diesem Zeitpunkt „soprano die viola da braccio“ (etwa Sopran-Arm-Viola) sagte und die Bezeichnung „Violine“ erst viel später entstand.)

Was ein Geiger nicht weiß…

Die Geige bekam so einen hohen Status, der dafür sorgte, dass die Bratsche verlacht wurde. Wenn es für die Geige nicht reichte, empfahl man diesen untalentierteren Musikern doch zur Bratsche zu wechseln, das sei leichter zu meistern. Ihnen war nicht klar, dass es um einiges anspruchsvoller ist, dieses etwas sperrigere, störrischere Instrument zu meistern. Für die Schnelligkeit wie auf einer Geige braucht man mehr Kraft im Detail, es darf aber selten nach Kraft klingen. Die Viola ist nun einmal größer, hat dickere Saiten, spricht bei zu wenig Druck schlechter an – es gibt nicht umsonst so viele Bratscher-Witze, die die Langsamkeit und Behäbigkeit von Bratschern zum Thema haben. Geht man mit einer Geigentechnik an die Bratsche heran, klingt es erst einmal träge. Das zu überwinden, damit es in virtuosen Passagen genau so leicht und schnell klingen kann wie bei der Geige, verlangt nach schnelleren Finger und einem schnelleren Kopf als bei einem Geiger.

bratsche

Späßle gemacht, Witzle gerissen

Woher weiß man, wann ein Bratscher schief spielt? – Er bewegt seinen Bogen.
Wieso spielen Bratscher nie verstecken?
- Weil niemand nach ihnen suchen würde.

Warum wird die Viola auch „Bratsche“ genannt?
- Weil es genau so klingt, wenn man sich auf sie drauf setzt.

Die Bratsche im Orchester: Ostfriese und Diplomat

Bratschen gelten als minderbemittelt, faul und ängstlich. Die Stimmgruppe, über die im Orchester am liebsten gelacht wird – stimmt etwas nicht waren es die Bratscher; ein Einsatz verpasst, ach ja, das waren die Bratschen; irgendjemand hinkt hinterher, das können nur die Bratscher sein. Diese Tollpatschigkeit lässt sie unbeabsichtigt und unverschuldet zu den Ostfriesen des Orchesters werden. Aber gerade dieser Narr hat gleichzeitig eine wichtige diplomatische Funktion: Die Bratsche vermittelt zwischen oben und unten, zwischen Geige und Cello, sorgt für den Zusammenhalt im Orchester. Auch Johann Sebastian Bach genoss diese Position. Er spielte, wenn er im Orchester saß, „als der größte Kenner und Beurteiler der Harmonie am liebsten die Bratsche“ überliefert sein Sohn Carl Philipp. Mit Bach als Kollegen kann man Bratscherwitze bestens ertragen. Oder mit Monteverdi, Mozart, Dvorák, Hindemith… alles Violaspieler!

Berlioz: Ein Hoch auf die Bratsche

Hector Berlioz (1803-1869) war der Meinung, dass der Ruf der Viola aufpoliert werden müsste, denn unter allen Orchester Instrumenten, hätten die exzellenten Qualitäten der Bratsche am meisten gelitten und Ablehnung erfahren. Recht hat er, der erkannte, dass die Viola agil ist wie die Violine und die längeren Saiten und der größere Corpus für einen durchdringenderen, eindrucksvolleren Klang sorgen. Die höheren Töne klingen intensiv und leidenschaftlich, währen ihr Ton allgemein von tiefer Traurigkeit ist, was sie von den anderen Streichinstrumenten unterscheidet. Und gerade dieses Potenzial wurde lange nicht ausgenutzt.
Diese starke Ausdruckskraft der Bratsche, hat dazu geführt, dass in den wenigen Fällen, da ein Komponist sich diesem Instrument angenommen hat, nie die Erwartungen enttäuscht wurden.
So gibt es nicht einmal ansatzweise so viele Werke wie etwa für die Violine, aber es steht doch Qualität über Quantität.

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Bratscher-Stolz

Ein Bratscher weiß über sein Instrument und kann in aller Ruhe und Gelassenheit, Witze und Tiraden über sich ergehen lassen, denn er ist etwas Besonderes mit seinem besonderen Instrument. Der nichtbratschende, demnach oft hochnäsig auf die Bratsche herabschauende Musiker muss wohl eine kleine, aber nicht ganz unwichtige Niederlage hinnehmen und neidisch auf die bratschende Zunft blicken, denn sie sorgt für den Humor – so viele Witze haben Dirigenten, Bässe, Bläser u.v.a.m. einfach nicht zu bieten – und den guten Zusammenklang im Orchester.

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