Was hat Wirtschaft mit Ethik zu tun?
“Wer nichts wird, wird Wirt” – klingt einfach, ist es aber gar nicht. Gerade in der Wirtschaft tun sich ständig viele kritische Fragen auf über das richtige Handeln. In wie fern geht es nur um Profit und Gewinnmaximierung? Widerspricht dieses Ziel ethischem Handeln? Genau damit beschäftigt sich die Wirtschaftsethik.
Wirtschaftsethik ist eine von mehreren verschiedenen so genannten Bereichsethiken. Mensch kann zwischen einer engeren und einer umfassenderen Bedeutung unterscheiden. Ersterem liegt folgende Frage zugrunde: Welche moralischen Werte sollten Unternehmen/Manager/ wirtschaftliche Führungskräfte in ihrem Wirtschaftshandeln berücksichtigen? In solchen Positionen sollten ganz allgemein gewisse „moralische Leitplanken“ beachtet werden, zu denen der faire Wettbewerb und faire Arbeitsbedingungen gezählt werden können; konkret gesagt: Keine Kartellbildung, keine Korruption, Schutz der natürlichen Umwelt, Frauen und Männer bekommen gleiches Gehalt, usw. Diese engere Bedeutung von Wirtschaftsethik kann auch unter Unternehmensethik zusammengefasst werden. Häufig werden die beiden Begriffe sogar synonym verwendet.
Im weiteren Sinne schließt die Wirtschaftsethik alle moralisch relevanten Fragen im wirtschaftlichen Handeln der Menschen ein, was weit über das Handeln von Unternehmen hinausgeht. Die Frage nach der ethischen Vertretbarkeit beginnt beim einfachen, kleinen Kunden oder Konsumenten, sprich bei jedem_r einzelnen. Als Käufer wählen wir nach unseren eigenen Werten, wo und was wir kaufen, deshalb können wir von der Konsumentenmacht sprechen. Welche Änderungen der Weltwirtschaft sind aus moralischen Gründen geboten – ist eine weitere Frage, die Mensch in der Wirtschaftsethik stellt. Es geht also um globale Gerechtigkeit. Aber allen wirtschaftlichen Fragen zu Grunde, liegt natürlich das Wirtschaftssystem. Welches Wirtschaftssystem ist aus moralischen Gründen einem anderen vorzuziehen?
Nun, für ein besseres Verständnis der ganzen Wirtschaftsethik-Idee, sollte folgendes – Wirtschaftssysteme, Globale Gerechtigkeit, Konsumentenmacht, Unternehmensethik – ein wenig fester ins Auge gefasst werden.
In vielen Staaten unserer Erde finden wir eine Marktwirtschaft/Kapitalismus. Dieses Wirtschaftssystem wird durch Privateigentum auch an den Produktionsmitteln charakterisiert. Arbeitskräfte, Güter und Dienstleistungen werden über Märkte getauscht. Die einzelnen Preise aller Güter ergeben sich durch Angebot und Nachfrage, wodurch ein Konkurrenzmechanismus entsteht. Das primäre Anliegen der Marktwirtschaft ist die Kapitalvermehrung, es geht immer darum, den maximalen Profit zu erzielen.
Im Gegensatz zur Marktwirtschaft beruht die sozialistische Planwirtschaft auf einer Verstaatlichung der Produktion. Die gesamte Steuerung und Distribution der Güter funktioniert nach Plan, was bedeutet, dass die Produktion vom Bedarf abhängig ist und nicht vom Gewinn. Folglich wird auf die für die Marktwirtschaft typische Konkurrenz verzichtet und stattdessen größerer Wert auf die Gemeinschaft gelegt. Mensch produziert für Andere und teilt in einem wechselseitigen Prozess.
Für die sozialistische Planwirtschaft sprechen viele humanistisch-soziale Gründe. Aber erfahrungsgemäß ist sie im Vergleich leider ineffizienter als die Marktwirtschaft. Diese Ineffizienz an sich ist nicht moralisch verwerflich. Erst bei auftretenden Mängeln, entstehen moralische Bedenken. Das Hauptproblem, dass die sozialistische Planwirtschaft allerdings mit sich bringt, ist die Tendenz zum politischen Totalitarismus, welcher vollkommen inakzeptabel ist. Kapitalismus ist im Vergleich erfahrungsgemäß effizienter. Doch der Wohlstand, den der Kapitalismus in der Regel mit sich bringt, ist kein moralisches Gut. Aktuell zeigten Bankenkrise und Ölkatastrophe welch verheerende Auswirkungen die Marktwirtschaft haben kann. Das Ziel der Gewinnmaximierung führt unweigerlich in das ökonomisch-moralische-Dilemma. Mensch kann im Kapitalismus häufig nicht moralisch handeln, da er/sie sonst von den Konkurrenten überrollt würde und eine Niederlage hinnehmen müsste. Weder der Sozialismus, noch der Kapitalismus scheinen ein optimales, ethisch völlig vertretbares Wirtschaftssystem zu sein.
Nun gibt es allerdings nicht nur diese beiden „Rein“-Formen. In Deutschland zum Beispiel haben wir statt des radikalen (Manchester) Kapitalismus eine soziale Marktwirtschaft. D. h. der Staat kann eingreifen und das Geschehen auf dem Markt durch Gesetze regulieren. So soll automatisch ein moralischeres Handeln gewährleistet werden. Erfahrungsgemäß funktioniert diese „Einhegung des Kapitalismus“ im nationalstaatlichen Rahmen gut, allerdings leben wir in Zeiten der Globalisierung. Wirtschaft wird global betrieben, Politik aber nur nationalstaatlich, das bedeutet, wenn z. B. in Deutschland die Steuern erhöht werden, ziehen Firmen einfach in Länder um, in denen die Steuern nach wie vor niedrig sind. In Europa ist die Antwort darauf die EU-Politik. Wobei eine internationale/globale Wirtschaftsordnung (ein Weltstaat?) durchaus kritisch zu betrachten ist.
Der nächste wichtige zu diskutierende Punkt in der Wirtschaftsethik ist die globale Gerechtigkeit. Einen Anstoß dazu gab Peter Singer mit folgenden beiden Prämissen:
1.Leiden und Tod in Folge von Mangel an Nahrung, Schutz und medizinischer Versorgung sind etwas schlechtes.
2.Wer in der Lage ist, etwas schlechtes zu verhindern, ohne etwas opfern zu müssen, das moralisch vergleichbar ist, sollte es tun.
Um seine Prämissen zu erläutern, nennt Peter Singer folgendes Beispiel: „Sie kommen an einem Teich vorbei, in dem gerade ein Kind zu ertrinken droht. Wenn Sie ins Wasser springen um das Kind zu retten, ruinieren Sie ihre Kleidung im Wert von 200,-€“. Es ist schlecht, wenn das Kind ertrinkt und stirbt. Gegen den Tod des Kindes sind 200,-€ gar nichts, ergo ist es moralisch richtig, das Kind zu retten. Dieses Beispiel ist analog zum globalen Maßstab. Peter Singer spricht sich demnach explizit für eine massive Umverteilung aus. Laut Singer sei es unsere moralische Pflicht, Hunger, Armut und Not an jedem Ort dieser Welt, so gut wir vermögen, zu verhindern. Es handelt sich um moralischen Universalismus und Egalitarismus, wobei jegliche Art von Rassismus und Speziezismus außen vor gelassen werden muss.
Gegen diesen doch sehr drastischen Standpunkt Singers, bei dem jeder einzelne Mensch Rechte und Pflichten hat – allen gegenüber, sprechen sich moralische Partikularisten im Sinne von „Blut ist dicker als Wasser“ aus. Die Partikularisten fragen sich, ob es nicht auch eine Pflicht zur Parteilichkeit gebe. Ist ein Mensch nicht verpflichtet, sich zunächst um Kinder, Angehörige und Freunde zu kümmern, als wildfremden Menschen zu helfen? Sie schränken daher ein, wem man wie hilft, hängt von der Beziehung zueinander ab. Demnach gehen Partikularisten genau wie Singer davon aus, dass man allen Menschen – auch denen anderer Länder und anderer Kulturen – zu Hilfe verpflichtet sei, allerdings in einem geringeren Ausmaß als denen der eigenen Gesellschaft.
Des weiteren wird in der Wirtschaftsethik die Konsumentenmacht beleuchtet. Was muss jede_r einzelne als privater Konsument moralisch bei Kauf- und Konsumentscheidungen beachten? Die Grundregel sollte lauten: Solche Produzenten und Anbieter durch mein Verhalten belohnen, die moralisch anständig produzieren und wirtschaften, bzw. moralisch bedenkliche Anbieter durch Kaufverweigerung abstrafen und nach Möglichkeit vom Markt drängen. Dieses vom Markt drängen schafft natürlich kein einzelner Konsument, deshalb sollte ein_e jede_r Verantwortung übernehmen und seine Mitmenschen alarmieren, um so eine Massenbewegung hervorzurufen. Gerade in Deutschland herrscht eine extreme dumping Kultur und besonders hier sollte Mensch beginnen einen fairen Preis für Produkte zu zahlen.
Das Fairtrade Siegel
Es lässt sich feststellen, dass Wirtschaftsethik nicht nur Unternehmensethik meint, obwohl eben dieses Thema besonders schwer wiegt. Wie erreicht man bei Wirtschaftsakteuren moralisches Verhalten, trotz ökonomisch-moralischem-Dilemma? Vier Reaktionen auf diese Frage:
1.Nach der Lehre von Adam Smith stellt sich diese Frage/dieses Problem gar nicht.
2.Defätismus: Es gibt keine Lösung, wir müssen uns mit dieser teilweise unfairen Situation abfinden.
3.Moralisches Verhalten muss anerzogen werden (Peter Ulrich)
4.Es müssen gesetzliche Rahmenbedingungen für moralisches Handeln geschaffen werden (Karl Homann)
Fest steht: Wirtschaftsethik ist ein weites Feld, in dem noch viel Diskussionsbedarf besteht.
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Kategorien: Gedankenwelt
Tags: einkaufen, Fairtrade, Gedankenwelt, Philosophie


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